„It is society and not technology that has made cinema what it is.“

 „It is society and not technology that has made cinema what it is. The cinema could have been historical examination, theory, essay, memories. It could have been the film which I am making at this moment.“ 1

Um das zu unterstreichen, unternahm Debord so einige Experimente filmischer Art. Da wäre hurlement en faveur de sade (Geheul für de Sade, F 1952), in welchem Debord sich im Verneinen der filmischen Konventionen übt. Das Bild ist im Grunde ein stundenlanges Schwarzbild, und im Ton sind schier zusammenhanglose2 Dialoge und ein Kommentar zu hören. Die Stille im Bild in den dunklen Raum zu transportieren, war ein Anliegen bei der Arbeit, die deshalb hier nenne, weil mit dem „Dunklen“ nicht das Schwarz gemeint ist, sondern viel mehr die bildliche Ortlosigkeit, welcher uns der Filmemacher aussetzt, und auch nicht willens ist uns aus dieser durch die Stimme zu erlösen. Debord fischt mit den Stimmen in seinem Film im trüben unscharfen Wasser der Unbedeutsamkeit; wir können die Worte akustisch verstehen, nicht aber sie in konkreter Weise ausmachen oder gar durch sie den Ort lokalisieren. Der ist unwichtig, und was wichtig ist, wird gesprochen.3 Nun wird Debord ja als Situationist beschrieben; sein Anspruch hier war nicht der einer Marker`s, obgleich gerade hurlement en faveur de sade Arbeit stark reflexiven Charakter hatte. Interessant an der Betrachtung – vielleicht macht es sogar wirklich Sinn Debord gerade mit Bildjongleur Marker zu kontrastieren: Debord verweigert das Bild und zwingt das Publikum auf die Stimme zu achten. Dennoch lockt er sie ins Kino, um sich ihrer Reflektion sicher zu sein. So unterschiedlich sind die Ansätze, stark fokussiert betrachtet, also gar nicht. Beide hinterfragen zumindest das Medium; und Debord zusätzlich sehr stark das heulende4 Publikum.

Mit dem ausbleibenden bzw. ausgeblendeten Bild, das als Angriff Debord`s contre le cinema verstanden werden konnte, in Gefolgschaft seines Künstler-Freundes Gill J Wolman5 und seinem im gleichen Jahr veröffentlichen Film l`anticoncept“, schaffte es Debord nachdrücklich die Betrachter zu einer Reaktion zu bewegen. Sie fühlten sich überwiegend veralbert; und hier konnte man sich fragen, wer eigentlich wen gerade angesehen hat: der Betrachter den Film oder umgekehrt? Die Enttäuschung des Publikums ließ erahnen, dass es Debord war der durch die leere Leinwand hindurch das Publikum betrachtete; gesprochen hat Debord durch die Setzung.

Hier kommentiert sich der Film selbst, als sähe er via Bild in Richtung Kinosessel, aber spräche er nicht durch die Stimme, da diese unnötig ist.

1 Vgl. Guy Debord, In Girum Imus Nocte et Consumimur Ignii. in Oeuvres cinématographiques complètes, 1952–1978, Paris: Editions Champ Libre, 1978, S. 207–208

2 Eigentlich passt für die Umschreibung dessen das französische Wort „décousu“ ein wenig besser, was soviel heißt wie zusammenhanglos, aber eben auch abgerissen, zerfahren.

3 Das bleibt natürlich auslegbar, denn der damals 20 Jährige Debord war zu der Zeit sichtlich wie sprichwörtlich noch auf der Suche nach seiner eigenen und nicht tendenziös altersbedingten Sprache. Die Kritik in Richtung Kunst kam dennoch an, wenn auch erst ein paar Jähre Später.

4 Man hätte hier den Titel evtl. eher Murmur en faveur de sade, also (das) Raunen für Sade nennen können, denn das ist schließlich das was das Publikum nach dem nicht endenden Schwarz getan haben.

5 Die erste Stimme in hurlement en faveur de sade spricht Wolman, dem der Film auch gewidmet ist. Diese Dopplung stellt eine Besonderheit dar, und hätte durchaus auch in modernen Essayfilmen vorkommen können.

aus Rossi; Nicolas (2010): “Wie man sagt – Stimme als interventionistische Maßnahme in essayistischen Filmen, erörtert an Arbeiten von Chris Marker und anderen Suchenden”, Theoretische Diplomarbeit

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