WORK HARD PLAY HARD – DRADIO

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„Schöne neue Welt“ schon heute

Neu im Kino: „Work Hard – Play Hard“ von Carmen Losmann

Von Hartwig Tegeler

Multimobile Knowledge-Worker in non-territorialen Office Spaces arbeiten für das globale Megawachstum: Carmen Losmanns „Work Hard – Play Hard“ zeigt eine Arbeitswelt zwischen Science-Fiction, Dokumentation und Horror-Film.

Die Geburt einer neuen Welt, und das mit der Geburt ist kein sprachlicher Ausrutscher, denn die Trainerin der Optimierungsfirma glaubt an die biologische Evolution der Ressource Mensch – unter der Prämisse des Profits.

„Und meine Vision ist, dafür zu sorgen, dass das auch was Bleibendes ist. Dass wir diesen kulturellen Wandel wirklich nachhaltig in die DNA jedes einzelnen Mitarbeiters bei uns entsprechend zu verpflanzen.“

Wenn das keine Frankenstein-Phantasie ist. Sprache kreiert Welt. Die moderne Arbeitswelt, die Manager, die High-Tech-Arbeitschaft und die Berater aus den Assessment-Management-Firmen und ihr Wortschatz klingen so:

„Das Change-Management-Programm … zu sagen, wir haben diesen Change vollzogen … das größte Change-Manangement-Programm … Change-Experten unter euch … die Change-Story zu unterstützen … haben einen Change-Prozesse … ist die Change-Agenda … damit insgesamt der Change auch implementiert wird.“

Change – Wandel – zur neuen Arbeitskultur. Carmen Losman streift zu Beginn ihrer Dokumentation „Work Hard – Play Hard“ durch die neue Firmenzentrale von Unilever, 2009 in der Hamburger Hafencity errichtet. Hier sollen die „multimobilen Knowledge-Worker“ in „non-territorialen Office Spaces“ für’s „globale Megawachstum“ arbeiten.

„Plötzlich ändern sich auch die Betriebsstrukturen mit einem neuen Gebäude. Hier kommt alles auf den Prüfstand.“

Neu-Sprachliches, moderne Büroarchitektur und so genanntes Human Ressource Management gehen in gläsernen Arbeitspalästen eine Symbiose ein.

„Es sollte auf keinen Fall ein Ort sein, an dem ich erinnert werde zu arbeiten.“

Mit der DNA, die neu programmiert werden soll, zielen neue Strategien zur Optimierung der Arbeitswelt auf Köpfe und Seelen der Mitarbeiter.

„Könnte auch ein Zuhause sein. In einem sehr professionellen Arbeitsumfeld. Und damit versuchen wir natürlich auch die mentalen Befindlichkeiten von Menschen aufzunehmen und sagen: Wir schaffen dir ein Stück Nest, Heimat und auch ein Stück Wärme im Rahmen aber eines Businessumfeldes. Und deswegen auch bewusst keine Braun-Farbtöne, die viel zu sehr an ein Zuhause erinnern.“

Die Grenze zwischen Arbeit und der Welt jenseits von ihr soll sich aufheben. Man muss kein Prophet sein, um den Psychologen, die die Burn-Out-Krisen der nächsten Jahre behandeln werden, eine nicht versiegende Patientenschar zu prognostizieren.

Carmen Losmann enthält sich in ihrem eindrucksvollen, klugen wie kühlen Dokumentarfilm jeglichen Kommentars. Die Interviews mit den Unternehmensberatern und -optimierern, den Trainern und Coaches sind montiert mit Streifzügen durch die modernen Arbeitsorte, Samenzellen der neuen Arbeitskultur. Manchmal wirkt „Work Hard – Play Hard“ surreal, scheint wie ein Science-Fiction-Film, wirkt virtuell, fast abstrakt, wenn wir all die kahlen Büros sehen, entleert von allem Persönlichem. Ja, ein Hauch von Science-Fiction, so erscheint dieser Film, der aber von dieser Realität hier handelt – einer, in der jetzt schon gearbeitet wird.

Es gibt ein menschliches Potenzial, ein Arbeitspotenzial. Dies soll optimiert – in alter Sprache – besser ausgebeutet werden. Auch bei seiner Neujahrsansprache im neuen Haus von Unilever spricht der Firmenchef von nichts Anderem:

„Und wir wissen eigentlich auch, wie wir das erreichen wollen. Mit einer Kultur, einem Spirit und einer Megawachstumsmentalität. Wir wollen im Markt gewinnen. Das heißt auch, auf globaler Ebene das Geschäft doppeln.“

Optimierung, Optimierung, Selbstoptimierung. So lautet das Mantra. Läuft das widerspruchsfrei? Widerstandslos? Das ist nicht die Frage, die Carmen Losmann antreibt. Aber einmal zeigt sie ein Morgentreffen eines Teams der Deutschen Post. Die Mitarbeiter kommen nicht mit ihren Verbesserungsideen rüber. Wie wäre es denn, wenn man mehr Personal einstellen würde, fragt gar einer der Widerspenstigen den Chef mit den Tabellen, der das Optimierungspotenzial wie jeden Morgen scannen will.

Und einmal, ganz kurz, dass man es kaum wahrnimmt, zeigt Carmen Losmann eine vermutliche afrikanische Putzfrau in ihrem blauen Kittel, die durch’s Bild läuft – es ist wie ein Ausblick in eine gänzlich andere Realität als die, die „Work Hard – Play Hard“ auf eine Weise einfängt, die einem Gänsehaut verursacht. Dieser Dokumentarfilm kommt fast ohne Musik aus.

Im Abspann dann, nein, keine Musik, ein Sound eher, der diesen Film als das ausweist, was er mit all diesen Talking Heads – mit deren professionell eingefrorenen Anwandlungen zum Lächeln inklusive dieses weiterhin vorhandenen kühl kontrollierten Blicks – was „Work Hard – Play Hard“ von Anfang an war: ein Horror-Film. „Schöne, neue Welt“ ist ein 1932 geschriebener Roman von Aldous Huxley – wollte man die Realanimation dieses Klassikers jetzt im Kino sehen, bitte sehr, Carmen Losmann hat sie mit „Work Hard – Play Hard“ gedreht.

3 Gedanken zu “WORK HARD PLAY HARD – DRADIO

  1. dieser film scheint ganz interessant zu sein. gibt es auch infos dazu, ob der auch in den österreichischen kinos laufen wird?
    zu dem thema “non-territoriale Arbeitsplätze” bin ich auch vor kurzem auf einen podcast gestoßen, der hier gut dazupasst.
    http://bene.com/bueromoebel/bene-office-podcast-25-non-territoriales-buero/

    hat halt wie so vieles auf dieser welt vor- und nachteile und sollte letzten endes jedem überlassen sein, wie und wo er seine arbeit verrichtet..

    lg

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