Nachlese zu Vertov: Gerd Roscher über Adorno

Im Gegensatz zu den Konstruktivisten kommt es Adorno nicht auf Irritation an, die deren Konzept der Entautomatisierung der Wahrnehmung zugrunde liegt. In Sklovskiys 1916 geschriebenen Text „Die Kunst als Verfahren“ wird das Kunstwerk als eine Technik beschrieben, die unsere Wahrnehmung aus der Konvention befreit und so einen „fremden Blick“ auf das scheinbar Vertraute ermöglichen soll.

Entsprechend ist die Geschichte ästhetischer Formen die Geschichte immer neuer Entautomatisierungen, immer neuer Abweichungen durch neue künstlerische Verfahren bzw. ihre Einpassung in ihnen ursprünglich „fremde“ Kontexte. Dies bleibe nach Adorno formalistisch, dem Dargestelltem äußerlich.

Zwei kleine Filmsequenzen möchte ich hier einflechten, die beide im Jahr 1929 entstanden sind und beide aus der konstruktivistischen Bewegung kommen, eine Sportszene aus Vertovs „Mann mit der Kamera“, die konsequent auf die (manchmal) falsche Kopplung der Bewegungslinien abzielt und eine ebenso kleine Sequenz aus dem nicht fertig gestellten Film „Fliegende Händler“ der Frankfurter Malerin Ella Bergmann-Michel.

…Filmausschnitt: „MANN MIT DER KAMERA“ (1929)…

Auch Ella Bergmann-Michel teilt die Faszination an der Bewegung, die ja Hans Richter im gleichen Jahr dazu verleitet hat, seinem aktuellen Film den Titel „Alles bewegt sich, alles dreht sich“, zu geben. Und dann wird man gewahr, dass der Motor der Bewegung Menschen sind, die unter dem Karussell es in Bewegung halten und der Bewegungslogik eine andere hinzugefügt wird.

Aber der Film vermag nach Adorno nur schwer die Distanz zu schaffen, die für das Begreifen der Sprache der Dinge notwendig ist. „Die Elemente des Films behalten etwas Dinghaftes.“ „Der Film findet sich vor der Alternative, wie er ohne Kunstgewerbe einerseits, andererseits ohne ins Dokumentarische abzugleiten verfahren solle. Die Antwort, die primär sich darbietet (…), ist die der Montage, die nicht in die Dinge eingreift, aber sie in schrifthafte Konstellation rückt.“

Schrifthafte Konstellation! Von den Filmen der Kulturindustrie dem gegenüber wird gesagt, sie benutzten eine durchgebildete und stereotype Bild-Sprache mit Syntax und Vokabular. Dagegen sind „alle Kunstwerke Schriften, und zwar hieroglyphenhafte, zu denen der Code verloren ward und zu deren Gehalt nicht zuletzt beiträgt, dass er fehlt. Sprache sind Kunstwerke nur als Schrift.“(Ä 189) Das schließt an Kants Bestimmung des Kunsturteils an als freies Spiel zwischen Einbildungskraft und Verstand. Es bestehe im Ästhetischen, schreibt Kant, „eine Gesetzmäßigkeit ohne Gesetz, und eine subjektive Übereinstimmung der Einbildungskraft zum Verstande ohne eine objektive.“ Adorno: „In jedem genuinen Kunstwerk erscheint etwas, was es nicht gibt. Nicht phantasieren sie es aus zerstreuten Elementen des Seienden zusammen. Sie bereiten aus diesen – Konstellationen, die zu Chiffren werden, ohne doch das Chiffrierte, wie Phantasien, als unmittelbar Daseiendes vor Augen zu stellen.“

Hier entnommen: http://www.gerdroscher.net/texte/konstellationen-einer-zwischenzeit

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