Von der Reparatur beschädigter Erinnerungen: „Stories we tell“ von Sarah Polley

Wie geht man als FilmemacherIN mit Archivmaterial der eigenen Familie um? Ist der notwendige Abstand – er gewährt erst den professionellen Arbeitsmodus – zum Sujet da? Selbstreflexive Dokumentarfilme sind nicht neu, und natürlich liegt es nah die eigene Geschichte aufzuarbeiten. So begleitete David Sieveking beispielsweise seine Mutter mit der Kamera – auch hier geht es um den Zugriff auf Erinnerung, welcher – in dem Fall durch die Alzheimer-Erkrankung der Mutter des Filmemachers – eine Einschränkung erfährt. Dokumentarfilmemacher möchten die Dinge tunlichst real wiedergeben, doch ist bei eintretendem Schamgefühlen das Drehbuch nicht einfach einzuhalten. Sarah Polley hat eine spannende Geschichte zu erzählen. Jahrelang schleppte sie diese mit sich herum bevor der Entschluss, einen Film daraus zu machen, dann schließlich doch in die Tat umgesetzt wurde. Was wenn nicht genug Archivmaterial vorhanden ist oder aber die Familie sich gegen eine Einarbeitung der Aufnahmen stellt? Polley entscheidet sich für eine Inszenierung ihrer familiären Vergangenheit. Während der Vater die Geschichte wie ein roter Faden durch den Film trägt, dabei selbst in realita aber auch von einem Schauspieler gemimt auftritt, demaskiert die Filmemacherin immer wieder ihre eigene Rolle als Filmemacherin. Auch lässt sie den Produktionsprozess des Films transparent erscheinenen in dem sie zum Beispiel Interviews mit Angehörigen durch eigentliche outtakes authentifiziert oder aber die Schauspieler beim Schminken zeigt. Das schafft anfänglich Irritation, denn erst später wird deutlich dass die Super-8 Aufnahmen sich mit der Gegenwart vermischen. Ob die Geschichte so wie sie Polley über Jahre hinweg als wahr angenommen hat, faktisch durch neue Informationen berichtigt wird und somit Erinnerungen überschreibt, diese Frage beantwortet die Regisseurin in der Weise, dass sie eine eindeutige Antwort nicht als zwingend angebracht klassifiziert. Vielmehr macht sie deutlich dass Erinnerungen immer nur Konstrukte sind, die auf Annahmen vieler verschiedener Autoren basiert. Ein sehr schöner Film.

 

 

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