Viel zu wenige Künstler stürzen ab – Peter Liechti

«Viel zu wenige Künstler stürzen ab»

Marcel Elsener im Gespräch mit Peter Liechti

Der Filmemacher Peter Liechti versteht seine Ehrungen und Preise aus jüngster Zeit als Aufruf zu mehr persönlicher Risikobereitschaft – und appelliert an das Publikum, sich mehr ungemütliche Filme gefallen zu lassen.

WOZ: Peter Liechti, Sie werden mit Preisen, Festivaleinladungen und Lobeshymnen ge­ra­dezu überhäuft: Sie haben den Europäischen Dokumentarfilmpreis 2009 und die Kunstpreise der Städte St. Gallen und Zürich bekommen. Ist das nicht etwas unheimlich?

Peter Liechti: Tatsächlich habe ich mich oft gefragt, was das zu bedeuten hat. Die Wirkung von Ehrungen an anderen zu beobachten, ist einfacher, als wenn es einen selber betrifft. Ich könnte mit dem berühmten Satz Billy Wilders antworten, wonach es sich mit den Preisen verhält wie mit den Hämorrhoiden: Im Alter erhält sie jedes Arschloch. Abgesehen davon bin ich von den Medien schon früh verwöhnt worden, doch so viel öffentliche Anerkennung auf einen Schlag hat etwas Lähmendes. Natürlich bin ich dankbar, doch man muss aufpassen, dass aus Dankbarkeit keine künstlerischen Verpflichtungen entstehen.

Kein Gefühl von Bekräftigung des eingeschlagenen Wegs?

Doch, natürlich. Anerkennung ermutigt­ einen auch dazu, sich treu zu bleiben. Ich habe mir selber zugerufen: Jetzt kannst du dich erst recht auf die Äste hinauswagen, schliesslich bist du heute besser abgefedert bei einem Absturz. Ich finde, dass viel zu wenige Künstler auch mal abstürzen, sie sind zu vorsichtig, zu ängstlich. Irgendwie entstand da so ein Schamgefühl. Von einem Rennfahrer wird auch erwartet, dass er aufs Ganze geht, ohne Rücksicht auf Stürze.

Sie sind vor wenigen Tagen sechzig geworden. Besteht keine Gefahr, dass Sie, «ausgestattet mit dem direktdemokratischen Volksbonus, zum frühpensionierten gemütlichen Onkel mutieren, der alle Krallen und Zähne verloren hat»? So beschreiben Sie in Ihrem «Lauftext» das Drama des Schweizer Films.

Keiner ist wirklich dagegen gefeit, doch ich habe absolut keine Lust, die Bedürfnisse einer zunehmend weichgespülten Kulturbourgeoisie zu bedienen. Das würde bald ziemlich unfrisch riechen, und es wäre vorbei mit der Freude am Schaffen.

Ihr älterer Kollege Fredi Murer dankte in seiner Zürcher Preisrede für Ihre radikalen Autorenfilme, die er sonst «in diesem Land für unmöglich halten würde oder vom Aussterben bedroht». Sind Sie einer der letzten Ihrer Art?

Ach was, ich vertrete doch keine Saurierdynastie. Ich möchte vorne dabei sein, nicht hinten. Wenn ich mich auf Klassiker berufe, auf Walser, Kafka, Bernhard oder auf Pasolini, Ozu, Chris Marker, so geschieht diese Rückbesinnung nicht aus Nostalgie, sondern weil mir Besinnung angesichts der herrschenden Update-Mentalität dieser gnadenlos materialistischen Konsumwelt wichtiger denn je erscheint – geradezu überlebenswichtig. Einer der interessantesten Aufbrüche der Filmgeschichte, die französische Nouvelle Vague, berief sich direkt auf die Stummfilmära.

Wer ist denn von Ihren KollegInnen noch «vorne dabei» und spannend zu verfolgen?

Da kommen mir zunächst Freunde aus der bildenden Kunst und der Musik in den Sinn, nur Leute, die ich persönlich kenne, also sehr subjektiv: Roman Signer, Yves Netzhammer, Pipilotti Rist, Norbert Möslang … Beim Film dann Peter Mettler, Thomas Imbach, Andrea Staka … und Cutterinnen wie Tania Stöcklin oder Loredana Cristelli. Ich lass mich aber gerne überraschen, auch von jungen Künstlern. Und da sind noch die ganz grossen Leitfiguren: von Buster Keaton, Hitchcock, Kubrick über Polanski und Werner Herzog bis zu Lars von Trier, Michael Haneke, den Coen-Brüdern, Quentin Tarantino und anderen.

Täuscht der Eindruck, dass in der Schweiz wieder mutigere, radikale Filme entstehen? Soeben zog das Bundesamt für Kultur eine äusserst positive Bilanz für 2010. Und sechs der zehn erfolgreichsten Filme waren Dokumentarfilme, allen voran «Cleveland vs. Wall Street» und «Die Frau mit den 5 Elefanten».

Beides sind zweifellos sehr gute, sorg­fältig gemachte Filme. Um überhaupt einen Film zu­ ma­chen, muss man schon sehr mutig sein – oder sehr dumm. In diesem Sinne sind alle gu­ten Filme auch mutige Filme. «Radikalität» kann schnell zum Selbstzweck mutieren; ich bevorzuge deshalb den Begriff «konsequent». Damit man mich nicht falsch versteht: Ich habe einige gute Freunde unter den Schweizer Filmschaffenden und schätze den Kontakt mit ihnen gerade deshalb, weil sie ganz anders arbeiten als ich; sie sind ein wichtiges Korrektiv zu meiner teilweise extremen Perspektive. Aber wenn in unseren Kulturetagen von einer «guten Bilanz» die Rede ist, so mag ich gar nicht mehr hinhören. Diese Buchhalter reden ja nur noch von Zuschauerzahlen, als seien wir irgendein Zweig der Unterhaltungsindus­trie oder funktionierten rein wirtschaftlich wie eine Schokoladefabrik. Man könnte ja mal in London, Paris, New York nachfragen, ob es ein gutes Jahr für den Schweizer Film war.

Es besteht Hoffnung, dass sich die von Ihnen heftig kritisierte marktorientierte Filmpolitik wandelt: Es werden neue Fördermodelle diskutiert, es gibt einen neuen Filmchef.

Wir werden sehen. Die Zukunft liegt in unseren Händen – und nicht beim Bundesamt für Kultur. Filmpolitik ist im Übrigen nicht mein Terrain, da bin ich dankbar, dass andere bereit sind, die «Drecksarbeit» zu leis­ten; Vereinshuberei und Lobbyarbeit gegen­über dem Parlament waren nie mein Ding. Die Selbstherrlichkeit der letzten Chefbeamten ist schliesslich einer grossen Mehrheit meiner Kollegen zu bunt geworden. Wenn ich an die Verleihung des Ehrenleoparden an den ehemaligen «Kulturminister» Couchepin in Locarno denke, werde ich noch heute wütend: Mit diesem verlogenen Akt wurde der höchste Filmpreis der Schweiz auf Jahre hinaus entwertet. Mein Beitrag an das hiesige Filmwesen ist die Juryarbeit: Wenn ich mich so für bestimmte, auch unbequeme Filme einsetzen kann, geht das schneller, als jedes Jahr ein neues Verteilreglement austüfteln zu müssen.

Stichwort unbequem: Sie nannten mit den Worten Robert Walsers – und dem Beispiel von «No Country for Old Men» – die Ungemütlichkeit als Kriterium für gute Kunst. Und gute Kunst sei immer politisch. Wie ist das gemeint?

Gemütlichkeit ist der unpolitischste Begriff überhaupt. Dass unsere Bundeshauptstadt eine überaus gemütliche Ausstrahlung hat, sagt darüber sehr wohl etwas aus. Politisch relevante Kunst ist nie gemütlich, so wenig wie die Politik selbst – oder die Filme der Coen Brothers. Gut und Böse können nun mal nicht so einfach unterschieden werden, auch wenn das im Kino immer suggeriert wird.

Eine mutige Filmpolitik würde solche Sichtweisen fördern?

Aber sicher: Subvention hat nur dann eine Berechtigung, wenn diese zur Entfaltung von Freiheit und Vielfalt in unserer Kultur genutzt wird. Wenn ich eine halbe Million aus öffentlichen Geldtöpfen erhalte, fühle ich mich verpflichtet, künstlerische Risiken einzugehen, Neues zu versuchen. Wenn ich eine halbe Million private Gelder von einem Produzenten erhalte, muss ich vor allem auf den Rückfluss achten. Ich verstehe die öffentliche Kulturförderung primär als Investition in eine Denkfabrik, in die Zukunft, in die Erforschung eigener Identität – und nicht als Inves­tition der Steuergelder in einen Wirtschaftszweig namens Schweizer Filmindustrie, der diese Gelder gleich wieder einspielen soll. Das Ziel müssten Filme mit einem Spirit sein, der weit über die Aktualität hinausgeht, wie bei meinen alten Lieblingsfilmen: Clemens Klopfensteins «Geschichte der Nacht», Christian Schochers «Reisender Krieger», auch einige Fredi-Murer-Filme – und die Filme von Jean-Luc Godard, falls wir ihn überhaupt zu «uns» zählen dürfen. Da bin ich heute noch baff und denke: Voilà, das hat es mal gegeben in diesem Land!

Die neue Generation Schweizer FilmerInnen: Wer macht Ihnen da am meisten Eindruck?

Da sehe ich einige, die zäh, ehrlich und mit viel Talent an der Arbeit sind. In den letzten zwei Jahren habe ich bei drei Filmen junger SchweizerInnen als Berater, Mentor und/oder Kameramann mitgewirkt. Eine neue Generation macht aber noch keine neue Bewegung. Wenn sich das ab und zu ergibt, ist es wunderbar, doch viele Künstler sind eher Einzel­gänger. Die junge Generation verdient es immer, ernst genommen zu werden. Genau so, wie es immer Trends gibt, die es verdienen, absolut nicht ernst genommen zu werden.

Ihr nächster Film liegt bestimmt nicht im Trend: Er handelt von der Generation Ihrer Eltern, mit einem sehr persönlichen Zugang.

Ja, es ist ein Forschungsprojekt in eigener Angelegenheit. Es war ein Freund, der mir befahl: Du musst jetzt zuerst einmal einen Film über deine Eltern machen. Ich ging dann nach Hause und dachte: Scheisse, der hat recht, und es ist höchste Zeit. Meine Eltern gehören zur Generation, die unsere wohlanständige, wohlhabende Schweiz – die Welt, in der wir leben – aufgebaut hat. Und dabei von den Achtundsechzigern massiven Widerspruch ernteten. Heute bin ich mit den Kindern dieser Protestgeneration konfrontiert, mit Jungfilmern, die sich wieder in die Gesellschaft integrieren und anpassen wollen.

In welche Richtung wird der Film gehen?

Wenn ich das schon wüsste, wäre es ja keine echte Hinterfragung mehr, und ich bräuchte den Film nicht zu machen. In zwei Jahren wird das Resultat vorliegen. Es wird mit Sicherheit keine Familiengeschichte werden mit Fotoalben und so. Es ist natürlich ein Privileg, für eine derart offene Versuchsanlage Geld zu erhalten. Es ist kein Auftragsfilm, er hat keine bestimmten Erwartungen zu erfüllen, nicht mal meine eigenen. Gerade darin sehe ich die grosse Verpflichtung.

Nach der einst schroffen Abnabelung gibt es keine Abrechnung, sondern eher eine versöhnliche Annäherung an die Eltern?

Gewiss keine prinzipielle Versöhnlichkeit, das wäre billig. Es geht mir auch nicht um eine härtere oder mildere Sichtweise, sondern um eine präzise, menschliche. Wenn mein Blick manchmal hart war in meinen Filmen, so ist mir das unterlaufen.

http://www.peterliechti.ch/page.php?de,4,0,0,&f=woz_110113

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