Multirealitäten und unmaßgebliche Wahrheitsempfindungen – konstruktivistische Wiederholungsschleifen als Selbstzweck

Wir sollten es eigentlich einfach haben: Nach den vorangegangen beiden Epochen (1. Imitation und 2. Produktion) befinden wir uns, nach Baudrillard, im Zeitalter der Simulation. Man könnte also ganz beruhigt an die Dinge herantreten; in Wirklichkeit sitzen wir ja gar nicht vor dem echten Schauplatz des Geschehens. Wir entwerfen, variieren ein klein wenig, lancieren erneut, verwerfen komplett und entscheiden uns für eine ganz andere Geschichte. Aber bleiben wir mal bei der Geschichte – auch wenn das Wort im vorherigen Satz vielmehr als eine Summe von wenig konkreten Anschauungsmodellen dienen sollte: 1972 – und zwar im Rahmen des eben schon erwähnten Konzepts der Simulation1 – denkt Baudrillard schon weit voraus. Ihm ist die Bedeutung der aufkommenden Massenmedien klar, und dennoch entscheidet er sich für eine radikale Aussage, nämlich dass es unmöglich sei Massenmedien kritisch zu verwenden (was Hans Magnus Enzensberger entschieden anders sieht2). Baudrillard erwähnt hier weiterhin die Gefahr, welche von den Apparaturen der Massenmedien ausgehen und nur dazu dienten, Kommunikationsprozesse hierarchisch zu vereinseitigen, anstatt zu befördern.3 Die Hyperrealität – eine von Zeichen simulierte künstliche Welt – ist referenzlos und dient nur zum Selbstzweck; in seinem Hauptwerk ist dies bezogen auf die Werbung4. Botschaften prasseln auf uns ein, ohne das wir uns dagegen wehren können, und was schlimmer ist, sie beeinflussen unser Handeln. Gut, das ist nun bereits ein paar Jahre her, und inzwischen nehmen wir das als gegeben hin.

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Zeitsprung: An der Stelle möchte ich fragen, ob denn die von uns via Internetplattform gesendeten Inhalte ebenfalls als Simulation betrachtet werden können im Baudrillardschen Verständnis. Die message1 ist klar: Das erleben wir gerade oder haben wir erlebt! Natürlich sind Erlebnisse nie Hauptbestandteil des Lebens. Wir erinnern uns besonders einfach an einprägsame Erlebnisse, sodass der Eindruck entstehen kann, wir durchleben eine Aneinanderreihung von einzelnen Erlebnissen. Wenn ich als Erlebnis jedoch einen markante Tracierung des Daseins bezeichne, und dieses Wort nicht nur als bewusst wahrgenommenen Existenzausschnitt bewerte, dann verstehe ich schnell den damit verbundenen Seltenheitswert. Kommentarkästchen in sämtlichen interaktiven webbasierten Kommunikationsportalen suggerieren eine Anteilnahme, doch was bedeutet das für die Auswahl der hochgeladenen Inhalte? Nicht sehr viel, wenn man davon ausgeht, dass eventuelle Negativkommentare ja schon vor dem Hochladen mit einberechnet wurden. Die Schüsse gehen höchstens rechts und links an der Blechdose vorbei, perforieren allerdings das Leichtmetall nicht. Autoren und Betreiber von Blogs bzw. Social Media-Spiegelbild-Blogs behaupten nicht nur bestimmte Inhalte – das Relevante stellt all das Weggelassen dar. Man müsste eigentlich eine „Negativ“-Ausgabe des Augenscheinlichen ermitteln, um eine der Simulation abgewandte, ja, beinahe schon realitätsnahe Informationsangabe zu bekommen. All das zögerlich verfasste und doch weggelassene, mit der Lösch-Taste entfernte oder erst gar nicht via Tastatur verabschiedete Gedankengut der Verfasser: Wird es irgendwann möglich werden, diese Inhalte zu generieren, werden vermutlich sehr viel weniger der Participatory culture beiwohnen wollen. Solange das nicht der Fall ist, bleibt einem nur das genaue Gegenteil zu vermuten von dem, was jemand gewillt ist von sich selbst als vorzeigbar zu behaupten.

Nicolas Rossi

1 Jean Baudrillard: Requiem für die Medien. In: Jean Baudrillard: Kool Killer oder der Aufstand der Zeichen. Berlin: Merve Verlag, 1978

2 Hans Magnus Enzensberger. Baukasten zu einer Theorie der Medien. In: Kursbuch 20, S. 159-186, 1970

3 „(…) die Medien sind dasjenige, welches die Antwort für immer versagt, das, was jeden Tauschprozess verunmöglicht, es sei denn in Form der Simulation einer Antwort, die selbst in den Sendeprozess integriert ist.“ in Jean Baudrillard: Requiem für die Medien. In: Jean Baudrillard: Kool Killer oder der Aufstand der Zeichen. Berlin, Merve Verlag, 1978, S. 91.

4 Jean Baudrillard: Der symbolische Tausch und der Tod (1976), München: Matthes & Seitz 1982

5 McLuhan muss nun ja auch berücksichtigt werden.

 

 

 

Image source: http://library.creativecow.net/spottedeagle_douglas/POV-Camera-Testing/1

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