Sans toit ni loi von Agnès Varda ||| ein Meisterwerk der Nouvelle Vage aus dem Jahre 1985

Deutscher Titel: Vogelfrei, englischer Titel: Vagabund

Nachdem Varda Jahre lang nur Dokumentarfilme drehte, schrieb sie mit ihrem ersten Spielfilm Filmgeschichte. Sandrine Bonnaire als Darstellerin, etablierte sich gleichzeitig als feste Schauspielgröße in Frankreich.

Der Film ist bitter, rührend, grob und krude; seine Ästhetik ist geprägt von einem unsichtbaren Schleier, welcher sich emotional im Laufe des Films als Unbehagen formuliert, denn alles was Varda tut, ist die Realität mit fiktiven Mitteln zu unterstreichen. Sehenswert!

Information overload: vom Zwang ohne Weiteres alles tun zu müssen

Man hört und liest es allerorts, wenn man es drauf anlegt: Die Möglichkeiten des Webs mit den damit verbundenen Konsequenzen für den Alltag, eröffnen zwar einerseits ein schier grenzenloses Angebot an Informationen zu fast allem, gepaart mit der Möglichkeit einer 24Std.-Kommunikation von überall aus –gleichzeitig scheint uns genau das zu überlasten. Escape! Seit einiger Zeit werden Diskussionen zur Eindämmung dieser Überflutung geführt – oft polemisch da pressewirksam inszeniert: Der Mensch kann eben nur begrenzt wahr- bzw. vielmehr aufnehmen. Das Phänomen soziologischen Ursprungs geht oft einher mit der Schlussfolgerung: Weniger ist mehr! Plötzlich entwickeln Menschen konfessionsunabhängig ein Interesse für selektierte buddhistische Gepflogenheiten, nämlich die Dinge gut zu machen, wenn man sie in Ruhe ausführt. Der amerikanische Schriftsteller John Steinbeck ermahnte ja schon früh: »Man verliert die meiste Zeit damit, dass man Zeit gewinnen will«. So, als ob die Möglichkeit alles gleichzeitig tun zu können, auch den Zwang bedeuten würde, genau dies zu bewerkstelligen. Die Notwendigkeit der Selbstverantwortung hat Hochkonjunktur. Alles zu gegebener Zeit zu erledigen – Zeitmanagementkurse boomen wie nie zuvor. Technik wird gleichzeitig als komplex und auch als unheimliche Vereinfachung wahrgenommen. Es scheint zwei Lager zu geben, deren Fronten verhärtet sind. Auf ein Smartphone verzichten, das möchte kaum einer mehr, doch muss es denn immer und überall benutzt werden, fragen sich die sich im Recht glaubenden Skeptiker? Da es keine richtig oder falsch-Lösung gibt, keine Anleitung zur »korrekten« Verwendung von Multimedia-Interfaces, ist auch kein Abklingen der Diskussion zu erwarten. Dem information overload bleibt nichts anderes als eine gewisse neudefinierte (und selbsterruierte bzw. auf sich selbst zugeschnittene) Disziplin entgegenzustellen. Alles andere wäre ein wenig einfach. 

cr: Nicolas Rossi

FILZ live an der HGB Leipzig: Künstlermythen und Autorschaft. Selbstdarstellung in Dokumentarfilmen. Seminar von Jun.-Prof. Dr. Christina Natlacen

Künstlermythen und Autorschaft. Selbstdarstellung in Dokumentarfilmen

Veranstaltung am 23.06.2014: Das dokumentarische Selbst

Die FILMISCHE INITIATIVE trägt vor zum Thema und erörtert dieses anhand von folgenden Beispielen: 

 

 

 

. Peter Liechti „Hans im Glück“

. Sarah Polley „Stories we tell“

. Trinh T. Minh-ha „Surname Viet Given Name Nam“

 

 

 

 

 

Literaturverzeichnis:

Denzin, Norman K., Reading Film – Filme und Videos als sozialwissenschaftliches Erfahrungsmaterial in Flick, Uwe / von Kardorff, Uwe / Steinke, Ines (Hg.) (2012): Qualitative Forschung – ein Handbuch. 9. Aufage. Frankfurt: Rowohlt. S. 416 ff.

Hickethier, Knut (2010): Einführung in die Medienwissenschaft, Weimar: J.B. Metzler, S. 33 ff.

Kracauer, Siegfried (1985): Theorie des Films. Die Errettung der äußeren Wirklichkeit. Frankfurt: Suhrkamp.

Minh-ha, Trinh T. (2005):The digital flm-event. London: Routledge

Weber, Thomas / Heinze, Carsten (2014): Der dokumentarische Film im Medienwandel. Neue Formen, neue Perspektiven, inter- und transdisziplinäre Ansätze“, Universität Hamburg, geplantes Erscheinungsdatum Ende 2014, in Kooperation mit dem DFG Projekt ”Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland 1945 – 2005” (Teilprojekt 3: Themen und Ästhetik) und dem Forum Medienkulturforschung.

Williams, Linda (1993) in Spiegel ohne Gedächtnis. Wahrhheit, Geschichte und der neue Dokumentarflm, in Hohenberger, Eva / Keilbach, Judith (2003) Die Gegenwart der Vergangenheit. Dokuemntarflm, Fernsehen und Geschichte, Berlin: Vorwerk 8, herausgegeben von der Dokumentarflminitiative, S. 24 ff. 

 

Von der Entautomatisierung der Wahrnehmung. Das Internet als Filter und Reduktionsmotor zur originären Urteilskraft

Von der Entautomatisierung der Wahrnehmung

Um 08:26 Uhr an einem Donnerstagmorgen ist die Facebook-Seite nicht erreichbar. Eine Fehlermeldung untransparenter Art erscheint, der Zugang ist versperrt. Augenblicklich beginnt der selbstreflexive Prozess: Warum nehmen wir es als störend wahr, der Welt an diesem Tag unsere Präsenz nicht aufzeigen zu können? Oder möchten wir derart dringend wissen, was unsere Freunde denn an diesem Tag so umtreibt? In Wahrheit handelt es sich längst um eine Art Routine – wir vergleichen das gerne da beschwichtigend mit dem Aufklappen der Tageszeitung: Aber ist das tatsächlich vergleichbar? Anstatt das Weltgeschehen zu erfahren, geht es in Sozialen Netzwerken stets auch um die eigene Bezugnahme bzw. um die Möglichkeit Bezug nehmen zu können. Das hat bei der Tageszeitung medienbedingt klassisch zu erfolgen, in Gedanken oder durch Diskussion mit anderen, unterliegt aber mindestens einem natürlichen vorangehenden Reflexionsvorgang. Machen wir uns überhaupt die Mühe die aus unserer Sicht kritischen Inhalte mit anderen auszutauschen – das nämlich ist so viel einfach via Tastatur –, oder aber belassen wir es doch dabei die Antworten in uns zu suchen oder sie erst gar nicht zu formulieren?

Man könnte hier konstatieren, dass wir uns oft darauf einlassen das Weltgeschehen zunächst einmal von anderen Menschen wahrgenommen bzw. schon vorgefertigt dargelegt zu bekommen. Uns bleibt sodann nur noch darauf Bezug zu nehmen durch »liken« (oder eben nicht) oder durch ein kurzknappes Kommentar. Soziale Netzwerke funktionieren wie eine Art Filter, das Internet als visuelle Projektionsfläche von unzähligen Apparaturen, die unsere Wahrnehmung sukzessiv entautomatisiert – wir reagieren auf Reaktionen. Wir nehmen also nicht mehr wahr, wir lassen wahrnehmen und simulieren im Baudrillardschen Verständnis das eigene Realleben vor den Apparaturen. Sie speichern und überliefern, doppeln und verfremden.

cr Nicolas Rossi

Hélas pour moi – Godard. Schweiz/Frankreich, 1993, 35mm, 84 min, OmU Mit Gérard Depardieu.

Hélas pour moi - Godard. Schweiz/Frankreich, 1993, 35mm, 84 min, OmU Mit Gérard Depardieu.

Eine filmisch-lyrische Adaption eines Textes des italienischen Dichters Leopardi. Indem er die langsame und schwierige Reise der Menschheit beschreibt, erzählt er von der Qual und dem Schmerz, von der ewigen Niedergeschlagenheit ihres Schöpfers, der Zeuge der zahllosen Mißgeschicke der Menschen wird.

Die Landschaft – dabei handelt es sich um den Genfer See (Godard lebt bekanntlich selbst dort) – übernimmt in dem Film eine besondere Funktion:

„Godard’s use of landscape is also intriguing to the extent that he repurposes nature as a frame for the film’s sometimes obscure human drama.“

Der Film zählt zu den sperrigsten Werken des Meisters. Absurde szenische Verläufe, Dialoge die einander vorbeiführen, ja, eigentlich gar nicht als solche geeignet sind, verlangen vom Betrachter so einiges ab. Es geht nicht um eine Narrationslinie – Godard setzt radikal sein Konzept um, und gewährt dabei sogar einen Einblick in den Entstehungsprozess. In JLG/GLG von 1995 sinniert Godard beim Filmschnitt über seinen eigenen vorherigen Film. Das Resultat sind Wortstreifen die miteinander einen diskursiven Beudeutungsmonolog führen, dessen Kausalität mitunter nicht zwingend gegeben ist. Nur wenige Filme verzeihen dies.

 

Foto: Nicolas Rossi, all rights reserved

Luigi Russolo »Die Geräuschkunst«

Luigi Russolo
MAILAND, 11, März 1913.

Auszug aus dem Kapitel 1: Futuristisches Manifest aus Luigi Russolo

… Durchqueren wir eine grosse moderne Hauptstadt, die Ohren aufmerk-samer als die Augen, und wir werden daran Vergnügen finden, die Wirbel von Wasser, Luft und Gas in den Metallrohren zu unterscheiden, das Ge-murmel der Motoren, die unbestreitbar tierisch schnaufen und pulsieren, das Klopfen der Ventile, das Hin-und-her-laufen der Kolben, das Kreischen der mechanischen Sägen, das Holpern der Tramwagen auf ihren Schienen, die Schnalzer der Peitschen, das Knistern der Vorhänge und Fahnen. Wir werden uns damit unterhalten, das Getöse der Rolläden der Händler in unserer Vor-stellung zu einem Ganzen zu orchestrieren, die auf- und zuschlagenden Türen, das Stimmengewirr und das Scharren der Menschenmengen, die ver-schiedenen Getöse der Bahnhöfe, der Eisenhütten, der Webereien, der Druckereien, der Elektrozentralen und der Untergrundbahnen….

Jedermann wird übrigens zugeben, dass jeder Ton eine Hülle von bereits bekannten und abgenutzten Empfindungen mit sich trägt, die den Hörer für Langeweile anfällig machen, ungeachtet der Anstrengungen aller Innovatoren unter den Musikern. Wir Futuristen haben die Harmonien der grossen Meister alle tief geliebt und genossen. Beethoven und Wagner haben wäh-rend vieler Jahre unsere Nerven erschüttert und Herzen bewegt. Heute sind wir ihrer überdrüssig und geniessen es viel mehr, die Geräusche der Tram, der Explosionsmotoren, Wagen und schreienden Menschen-mengen in unserer Vorstellung zu kombinieren, als beispielsweise die »EROICA« oder die »PASTORALE« wiederzuhören.

LUIGI RUSSOLO ON YOUTUBE

 

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Quelle: Auszug aus dem Kapitel 1: Futuristisches Manifest aus Luigi Russolo, »Intonarumori«, Mailand, 1916. Hier In der Übersetzung von Justin Winkler und Albert Mayr, Akroama, The Soundscape Newsletter Europe Editions, Basel 1999 und
http://www.rol3.com/vereine/klanglandschaft

Russolos Text basiert auf dem Manifest von 1913 (Manifesto futurista, Milano, 11 marzo 1913), das 1916 in seinem Buch als erstes Kapitel aufgenommen wurde.