über die Eigenheit des formierten Gedankens in filmischen Essays

In einem Gespräch (1) mit Georges Didi-Huberman und Ludger Schwarte erzählt Harun Farocki von seiner Zeit an der Filmschule. Farocki erkannte seinerzeit dass es nicht länger gefragt war Fabeln zu erzählen, stattdessen aber Gedanken zu verfilmen oder besser „Gedanken filmisch zu erzeugen“.

Wie stellt es man es als Filmemacher an, Gedanken zu erzeugen? Der Gedanke, ein interner Vorgang im Bewusstsein, der naturgemäß deshalb überhaupt eine konkrete Formierung erfährt, da wir die Umgebung ja kennen. Ein Gedanke stützt sich auf genuines Material, auf Erfahrungswerte – er stützt sich aber vor allen Dingen auf mir selbst vorliegende Information. Um einen Gedanken freizulegen, ihn in diesem Sinne für Zuschauer zugänglich zu machen, muss ich ihn arrangieren, mit Attributen des allgemeinen (filmischen) Verständnisses bestücken. Das entfernt den Gedanken wiederum von seinem Ursprung, demnach von mir (2). Einen guten Film als gedanklichen Freiflug aufzubereiten ist schwierig, man könnte auch sagen, unmöglich. Entweder er wird tatsächlich nah an mir dran (und somit vollends am Zuschauer vorbei) entworfen, oder aber er hat von der Idee nur noch Partikel enthalten, ist bereits entwertet von seiner Genesis, bevor er überhaupt betrachtet wird.

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Die hohe Kunst des cinematischen Essayisten liegt darin, den entscheidenden Abknick zu erkennen und ihn zu beschließen. Dem Allgemeinwohl hinsichtlich des Filmgenusses, sollte er vertrauensvoll entgegenblicken und auf die Erkenntnis des Mehrwerts in seiner Arbeit bauen. Oder wie sagt Joseph Brodsky (3) noch gleich : „[…] ein gewisser Mangel an Rücksicht ist erforderlich.“

Ohne diese erarbeitete und an richtiger Stelle befindliche Dreistigkeit, überbrückt kein geistiger Innenmarsch die tiefe Kluft des Durchschnitts. Und was ist ein Werk überhaupt wert, lässt sich die Meinung des Entstehers nicht erkennen? Selbst die konsequenteste Abstaktion in einer Arbeit spricht für sich, lässt das Bemühen des Filmemachers deutlich werden, Umkreisungen um das Eigentliche herum, dem bloßen Informationsgehalt vorzuziehen.

In einem filmischen Essay mit gedanklichem Baukonstrukt in seiner audiovisuellen Darbietung, kollidiert die Eigenleistung des Zuschauers mit der des Filmemachers. Das funktioniert in bester Weise während des Betrachtens anstatt hinterher; oftmals fordern diese Arbeiten genau das ein und können ohnedies nur als Monolog verstanden werden.

 Nicolas Rossi

(1) Schaulager Basel (2008): Dispersion und Montagen. Ein Gespräch wisch Harun Farocki, Geroges Didi-Huberman und Ludger Schwarte

(2) Rossi, Nicolas (2014): La caméra-stylo. Videoessay. Sammlung PPZK, Leipzig

(3) Brodsky, Joseph (1986): Erinnerungen an Leningrad. Carl Hauser Verlag: München

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