Filz empfiehlt: Machines

– ein Dokumentarfilm von Rahul Jain

von Kathrin Lemcke

Aus all den Filmen, die ich auf dem diesjährigen Dok Leipzig gesehen habe, ragt Machines besonders heraus. Der Debütfilm des Regisseurs Rahul Jain zeigt in atmosphärisch dichten Bildern den Alltag in einer Textilfabrik im indischen Gujarat mit all seinen Abgründen. In starkem Kontrast zu den bunten und feinen Stoffen, die die Arbeiter (allesamt Männer und Jungen) herstellen, ist der Ort selbst fast monochrom braun. Die Maschinen, die staubigen Böden, die bröckeligen Wände, die farbverschmierten Körper der Arbeiter. Die Maschinen bestimmen den Rhythmus der Arbeit. Die Menschen sind mehr Anhängsel der Maschinen, sie führen ihnen Stoffe zu, sorgen mit stumpfen monotonen Bewegungen dafür, dass sich kein Stoff in der Maschine verheddert. Vielleicht sind sie gar Bestandteil der Maschinen geworden. Die Maschine, der Motor der Fabrik.

Der Film entwickelt einen starken Sog, weil es ihm gelingt, mich als Zuschauerin zunächst über die Bild- und Soundwelt langsam einsteigen zu lassen in die Fabrik, in der ich teilweise minutenlang einzelnen Arbeiten und Arbeitern zuschaue, Zeugin der monotonen Arbeit werde, so lange, bis mich der Rhythmus der Maschinen völlig erfasst hat. Erst nach einer langen Phase des bloßen Sehens und Hörens wird das erste gerichtete Wort gesprochen. Ein Arbeiter spricht über Formen der Arbeit, die in der Fabrik angewandt werden. Dass es Arbeiten gebe, für die der Körper gebraucht wird, und andere, für die der Kopf gebraucht wird, aber alles gleichwertig Arbeiten seien. Während er dies sagt, steht er zwischen Fässern voller Chemikalien, die bis zu 200kg schwer sind. Seine Aufgabe ist es, diese allein im Raum zu verschieben. Hierfür benötige es Kopf und Körper, den Kopf, um die Motorik zu steuern und aufzupassen im Umgang mit den gefährlichen Chemikalien und den Körper, um die motorischen Bewegungen umzusetzen. Eine einfache aber bestechend präzise Beschreibung der allgemeinen Form von Arbeit. Eher nebenbei erzählt er, dass sein Tag 12 Stunden dauert. Dies wird in darauffolgenden Interviews aufgegriffen und weitergeführt. Ein Arbeiter erzählt, vor weißen Stoffballen hockend, wie er aus 1600km Entfernung angereist ist, um in dieser Fabrik arbeiten zu können. Viele der Arbeiter in der Fabrik waren zuvor Bauern, konnten aufgrund einer schlechten Saison nicht davon leben, und musste so eine andere Arbeit suchen, um sich und ihre Familien ernähren zu können. „Warum arbeite ich 12-Stunden-Schichten hier, weit weg von meinen Eltern, meiner Frau und meinen Kindern? Es gibt keine andere Lösung, Sir, das ist der Zustand der Armut.“ Die Frühschicht in der Fabrik beginnt um 8 und geht bis 20 Uhr, die Spätschicht beginnt um 21 Uhr. Der Mann arbeitet oft zwei Schichten. Sein Verdienst pro Schicht beträgt drei Dollar.

Ein ca. 12jähriger Junge sagt, er würde morgens gerne, wenn er auf das Tor zuläuft, noch davor umdrehen. „Aber es ist nicht gut, umzudrehen.“ Er meint, wenn er jetzt als Kind immer an den Maschinen ist, wird er ein sehr gut trainierter Arbeiter werden, denn was man als Kind lernt, kann man als Erwachsener nicht mehr lernen. Später kämpft er in einer der eindringlichsten Szenen bei seiner Arbeit an der Maschine minutenlang gegen das Einschlafen.

Erst gegen Ende des Films verlassen wir zunehmend die Fabrik und immer wieder kurz die Arbeiter. Wir sehen arabisch sprechende Händler, die Stoffe begutachten und über ihre hohe Qualität und ihre hohen Preise sprechen. Wir beobachten eine Gruppe Männer und Jungen, wie sie aus den Plastiktonnen voller Farbreste, Chemikalien und Stoffresten kleine Kupferteile einsammeln, um sie später zu verkaufen. „Es ist klebrig“, sagen die Jungen immer wieder. Wir wissen nicht, was genau es ist, in dem sie da wühlen, aber sicher bekommen ihre Körper in dem Moment noch mehr der vermutlich sehr giftigen Stoffe ab und sicher sind sie noch stärker darauf angewiesen, sich dieser Gefahr auszusetzen.

Gegen Ende des Films kommt der Chef des Unternehmens zu Wort: „Wenn ich ihnen mehr bezahlen würde, würden sie das nur für Tabak und ähnliches ausgeben. Die schicken kein Geld nach Hause. Fast 50% von ihnen kümmern sich nicht um ihre Familien.“ Außerdem würden sie faul werden, sobald sie zufrieden sind und mit vollen Bäuchen würden sie die Zwecke der Firma hinten anstellen. Die Erkenntnis, warum und wie diese Menschen maximal ausbeutbar sind und bleiben, tut sich zwischen diesen zynischen Sätzen auf.

Der Film offenbart auf sehr präzise Weise das Funktionieren der kapitalistischen Produktion in Reinstform. Zugleich gelingt es ihm, vermutlich über die Montage, bzw. das lange Auf-sich-Wirken-lassen der Bilder und Sinneseindrücke, die eigene Verstricktheit in diese Struktur in jeder Pore zu spüren.

Machines wurde von der halleschen Produktionsfirma „Pallas Films“ koproduziert. Der Film hatte seinen offiziellen bundesweiten Kinostart am 9.11.

Machines

Dokumentarfilm, Indien / Deutschland / Finnland, 2016

by Rahul Jain
HD – Farbe – Laufzeit: 71 min – DolbyAtmos
Kinostart Deutschland: 09. November 2017
Weltpremiere:17.11.2016 – IDFA Documentary Festival – Wettbewerb

www.machines-themovie.com

Zum Weiterlesen:

Interessante Rezenssion:

https://mumbaimirror.indiatimes.com/opinion/columnists/trisha-gupta/frames-of-production/articleshow/61167762.cms

Interview mit dem Regisseur beim Sundance Filmfestival 2017

http://nofilmschool.com/2017/02/machines-rahul-jain-interview

 

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