Filz empfiehlt: Temporal Disorder 2, GFZK, Leipzig 25.4. 19.00

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redux/time/OUT OF JOINT
Caspar Stracke
US/DE 2015/16, 59′

redux/time/OUT OF JOINT von Caspar Stracke ist ein filmisches Geflecht, in welchem unterschiedliche Wissenschaften, Kunstformen und Wahrnehmungsmuster mit disparaten formal-ästhetischen Bildkonzepten konfrontiert werden. Dabei gilt es das Rückwärtige als mögliche Verlaufsstrategie der Zeit zu ergründen. Zahlreiche präzise Fundstücke wie das mathematische Experimentalvideo WAL(L)ZEN des Neoplantonikers Ivan Ladislav Galeta verdichten redux/time/OUT OF JOINT zu einer komplexen Spurensuche nach einem alternativen Verständnis von Fortschritt. Der für seine genialen transdisziplinären Arbeiten bekannte Philosoph und Deleuzianer Manuel DeLanda trägt als charismatischer Protagonist mit seinen eindrücklich formulierten Theorien dazu bei, dem filmischen Essay einen gewissen Nachhall nicht absprechen zu können.

 

Die Veranstaltung findet am 25.4.2017 um 19 Uhr im Auditorium der GFZK statt. Als Eintritt gilt das ermäßigte Museumsticket (3€).

 kuratiert von Nicolas Rossi und Prof. Clemens von Wedemeyer
Filmreihe Temporal Disorder
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Nicht löschbare Bilder. Ein Nachruf auf Harun Farocki

Drei Männer stehen vor einem Regal, gefüllt mit dem Brotsortiment eines Discounters. Der Mittlere hält zwei Packungen Toast in den Händen, unsicher an welcher Stelle er diese platzieren soll. Über mehrere Minuten beobachtet die Kamera den Dialog des Geschäftsführers und seines Unternehmensberaters, der durch ein neues Ordnungssystem in den Regalen, den Umsatz der Filiale zu steigern versucht. Nur ist in dieser Neuordnung kein Platz für das Toastbrot übrig. Bis zuletzt ringt der Mann mit der Umsetzung seiner Vision, um schließlich verzweifelt aufzugeben.

Die Szene brennt sich ins Gedächtnis; Ein erwachsener, intelligenter Mensch, ein Schöpfer gewissermaßen, verliert die Fassung wegen einiger Pakete Backwaren.

In die Schöpfer der Einkaufswelten von 2001, dringt Harun Farocki tief in die Entscheidungsprozesse der Verantwortlichen für die Gestaltung unserer Konsumkultur ein.

Dabei nutzt er wie häufig in seinen späten Filmen die Methoden des direct cinema: Die Kamera verfolgt und beobachtet das Geschehen ohne sich einzumischen oder sichtbar zu werden. Nach dem Prinzip: »Zeigen statt Erklären« gelang es Farocki, auch gesellschaftskritische Themen ohne künstlerische Kompromisse im Fernsehen zu senden. Als die Sendeplätze zu Beginn des 21. Jahrhunderts wegfielen, seine Filme zu immer späterer Uhrzeit ausgestrahlt und schrittweise ins dritte Programm verschoben wurden, wandte er sich der Kunst als Präsentationskontext seiner Arbeit zu.

Gegenwärtig ist sein Zyklus: Ernste Spiele noch bis zum 18. Januar 2015 im Hamburger Bahnhof zu sehen. In den Museen und Galerien fand er ein neues Publikum vor, das zwar sehr interessiert doch im Diskurs schwieriger zu verstehen war: » wenn man einen Film im Kunstbereich zeigt, kriegt man mehr zu hören als sonst, aber man kann es schwerer bewerten, was die Leute sagen « Revolver Heft 8 (2003)

Komplettes Interview: http://revolver-film.blogspot.de/2014/08/harun-farocki-1944-2014.html

Harun Farocki war wie kaum ein anderer wegweisend in seinem filmischen und künstlerischen Schaffen. Er hinterließ ein umfangreiches Werk von über 120 Filmen und Installation aus den letzten 50 Jahren. Trotz dieses enormen Umfangs verbleibt der Endruck ihn auf halber Strecke verloren zu haben. Als er vor zwei Jahren das Projekt: Eine Einstellung zur Arbeit gemeinsam mit Antje Ehmann an der Film-Arche Berlin vorstellte, sprühte er förmlich vor Energie. Es handelte sich um ein kollaboratives Filmarchiv zum Thema Arbeit, das Sie in Zusammenarbeit mit Studierenden in insgesamt 15 Städten weltweit realisierten. In Anlehnung an Arbeiter verlassen die Fabrik, der Gebrüder Lumière entstand jeweils einminütiges Filmdokument zum Begriff der Arbeit.

Zeit seines Schaffens misstraute er den Bildern. Ob in Nichtlöschbares Feuer von 1969 mit der Aussage: »Wenn wir Ihnen ein Bild von Napalmverletzungen zeigen, werden Sie die Augen verschliessen.«, in der stillen Untersuchung des Aufwandes für eine Fotografie des Playboy (Ein Bild 1983), im Dialog mit Villèm Flusser über die Brutalität der Titelseite der BILD-Zeitung (Schlagworte – Schlagbilder 1986) oder in der Betrachtung zahlloser Simulationen der neoliberalen Dienstleistungsgesellschaft: Übungen an Puppen für angehende Hebammen, Produkt-Crashtests, Polizeitraining mit Schauspielern und die Aussage eines Versicherungsvertreters, »Stellen sie sich vor sie wären gestern gestorben.« (Leben BRD 1990)

Zuletzt widmete er sich dem digitalen Paradigmenwechsel und den daraus resultierenden operativen Bildern, die automatisiert und losgelöst vom menschlichen Körper aufgezeichnet und perspektivisch nur noch von Maschinen analysiert werden. Der Mensch ist aus diesem Zyklus der Bildbetrachtung ausgeschlossen.

Bis zu seinem Tod hat Harun Farocki diese Bilder immer wieder in Ihrer Zeit betrachtet, analysiert, kommentiert und dekonstruiert. Sein Blick war klar und durchschauend, wache Augen die sich nun für immer geschlossen haben.

Jonas Matauschek

Hélas pour moi – Godard. Schweiz/Frankreich, 1993, 35mm, 84 min, OmU Mit Gérard Depardieu.

Hélas pour moi - Godard. Schweiz/Frankreich, 1993, 35mm, 84 min, OmU Mit Gérard Depardieu.

Eine filmisch-lyrische Adaption eines Textes des italienischen Dichters Leopardi. Indem er die langsame und schwierige Reise der Menschheit beschreibt, erzählt er von der Qual und dem Schmerz, von der ewigen Niedergeschlagenheit ihres Schöpfers, der Zeuge der zahllosen Mißgeschicke der Menschen wird.

Die Landschaft – dabei handelt es sich um den Genfer See (Godard lebt bekanntlich selbst dort) – übernimmt in dem Film eine besondere Funktion:

„Godard’s use of landscape is also intriguing to the extent that he repurposes nature as a frame for the film’s sometimes obscure human drama.“

Der Film zählt zu den sperrigsten Werken des Meisters. Absurde szenische Verläufe, Dialoge die einander vorbeiführen, ja, eigentlich gar nicht als solche geeignet sind, verlangen vom Betrachter so einiges ab. Es geht nicht um eine Narrationslinie – Godard setzt radikal sein Konzept um, und gewährt dabei sogar einen Einblick in den Entstehungsprozess. In JLG/GLG von 1995 sinniert Godard beim Filmschnitt über seinen eigenen vorherigen Film. Das Resultat sind Wortstreifen die miteinander einen diskursiven Beudeutungsmonolog führen, dessen Kausalität mitunter nicht zwingend gegeben ist. Nur wenige Filme verzeihen dies.

 

Foto: Nicolas Rossi, all rights reserved

Trilogie zum Gedächtnis: Toute la mémoire du monde, Alain Resnais, 1956

Ein filmischer Essay von Resnais, Marker und Varta (Left bank Gruppe) der zusammen mit »Les statues meurent aussi« und »Night and fog« eine Trologie um das Thema Gedächtnis darstellt. In dem Film versucht Resnais das gewaltige Archiv der Bibliothèque Nationale als Gesamtgedächntis der Welt zu behaupten. Die Bibliothek gleich ferner, mit ihren uniformierten Mitarbeitern und endlosen Korridoren, einem Gefängnis. Der Film wurde 2001 von W.G. Sebald in dessen Novelle Austerlitz aufgegriffen. Die Glanzleistung Resnais & Co. besteht in der großartigen metaphorischen Umsetzung einer Idee, deren Inhaltlichkeit eigentlich brutal und kalt ist – durch die poetische Transformation (woran viele vormals erbärmlich zu scheitern wussten) wird dem Betrachter ein neuer und erkenntnisgewinnender Zugang gewährt. 

Harun Farocki: »Ernste Spiele« im Rahmen der Konferenz IMAGE OPERATION am 10.04.2014 in Berlin

Image Operations (Berlin, 10-12.04.2014)

ICI Kulturlabor, Berlin, April 10 – 12, 2014

Manche Bilder greifen direkt in die Welt ein und verändern sie in
weitreichender Weise. Als Teil medialer Praktiken erschaffen sie
Ereignisse, wirken sich unmittelbar und konkret auf Menschen und
Körper aus. Besonders markant sind solche Bildoperationen im Krieg,
bei terroristischen Anschlägen und in politischen Kampagnen von NGOs –
aber auch in der Medizin. International führende Wissenschaftlerinnen
und Wissenschaftler diskutieren die konstitutive Rolle von Bildern und
ihre ethische Problematik auf der Internationalen Tagung Image
Operations, die von der Kunsthistorikerin Charlotte Klonk
(Humboldt-Universität) und dem Medienwissenschaftler Jens Eder
(Universität Mannheim) organisiert und in Kooperation mit dem ICI
Berlin durchgeführt wird.

10.04.2014: 18:30 – 20:15 Harun Farocki: Ernste Spiele  (Filmscreening)

Komplettes Programm unter:

http://www.kunstgeschichte.hu-berlin.de/veranstaltungen/tagung-image-operation/