LANGE NACHT mit AKI Kaurusmäki

AKI

Still aus HAMLET GOES BUISNESS 1987

sehr umfangreiches Radiofeature im Deutschlandradio vom 30.4.2016 

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Von der Entautomatisierung der Wahrnehmung. Das Internet als Filter und Reduktionsmotor zur originären Urteilskraft

Von der Entautomatisierung der Wahrnehmung

Um 08:26 Uhr an einem Donnerstagmorgen ist die Facebook-Seite nicht erreichbar. Eine Fehlermeldung untransparenter Art erscheint, der Zugang ist versperrt. Augenblicklich beginnt der selbstreflexive Prozess: Warum nehmen wir es als störend wahr, der Welt an diesem Tag unsere Präsenz nicht aufzeigen zu können? Oder möchten wir derart dringend wissen, was unsere Freunde denn an diesem Tag so umtreibt? In Wahrheit handelt es sich längst um eine Art Routine – wir vergleichen das gerne da beschwichtigend mit dem Aufklappen der Tageszeitung: Aber ist das tatsächlich vergleichbar? Anstatt das Weltgeschehen zu erfahren, geht es in Sozialen Netzwerken stets auch um die eigene Bezugnahme bzw. um die Möglichkeit Bezug nehmen zu können. Das hat bei der Tageszeitung medienbedingt klassisch zu erfolgen, in Gedanken oder durch Diskussion mit anderen, unterliegt aber mindestens einem natürlichen vorangehenden Reflexionsvorgang. Machen wir uns überhaupt die Mühe die aus unserer Sicht kritischen Inhalte mit anderen auszutauschen – das nämlich ist so viel einfach via Tastatur –, oder aber belassen wir es doch dabei die Antworten in uns zu suchen oder sie erst gar nicht zu formulieren?

Man könnte hier konstatieren, dass wir uns oft darauf einlassen das Weltgeschehen zunächst einmal von anderen Menschen wahrgenommen bzw. schon vorgefertigt dargelegt zu bekommen. Uns bleibt sodann nur noch darauf Bezug zu nehmen durch »liken« (oder eben nicht) oder durch ein kurzknappes Kommentar. Soziale Netzwerke funktionieren wie eine Art Filter, das Internet als visuelle Projektionsfläche von unzähligen Apparaturen, die unsere Wahrnehmung sukzessiv entautomatisiert – wir reagieren auf Reaktionen. Wir nehmen also nicht mehr wahr, wir lassen wahrnehmen und simulieren im Baudrillardschen Verständnis das eigene Realleben vor den Apparaturen. Sie speichern und überliefern, doppeln und verfremden.

cr Nicolas Rossi

Buchtipp: Expanded Narration. Das Neue Erzählen

»Ce qui se réalise dans mon histoire n’est pas le passé défini par ce qui fut puisqu’il n’est plus, ni même le parfait de ce qui a été dans ce que je suis, mais le futur antérieur de ce que j’aurai été pour ce que je suis en train de devenir.«

»Was sich in meiner Zukunft verwirklicht, ist die zweite Zukunft dessen, was ich gewesen sein werde, für das, (…) was ich dabei bin zu werden.« in : Lacan, Jacques (1966): Fonction et champ de la parole et du langage en psychanalyse, in: Kracke, Bernd/Ries, Marc (Hrsg.)(2013): Expanded Narration. Das Neue Erzählen. Bielefeld: Transcript, erstmals veröffentlicht in: La psychanalyse, n° 1, 1956, Sur la parole et le langage, S. 81-166.

expanded

awordwithharold: Von der Unmöglichkeit die Gegenwart festzuhalten (wohlwissend dass es doch funktioniert)

Blogs sind Aufzeichnungstechniken der Neuen Medien, durch die Geschichte festgehalten wird. Sie sind eine Plattform zur Präsentation von multimedialen Inhalten. Werden sie von einer Person betrieben, kommen Blogs einem Videotagebuch gleich. Das führt zu einer Betrachtung des Blogs aus filmwissenschaftlicher Sicht: Die Montage dieser (eigenen) Geschichts(ein-)schreibung erfolgt durch die Wahl der hochgeladenen Medien, angereichert und vermengt durch den Kommentar. Entspricht dieser etwa der allmächtigen (vgl. Michel Chion) Off-Stimme in Textform aus dem Film? Was genau hält der Blogger fest? Bewegtbilder – gibt man sich der Illusion der Bewegung hin – sind der Beweis für die Unmöglichkeit die Gegenwart festzuhalten – das Foto dagegen tritt den schlagenden Gegenbeweis an. Es bleibt spannend.

paris

Abb: Die offensichtliche Verzerrung des expliziten Augenblicks