Von der Entautomatisierung der Wahrnehmung. Das Internet als Filter und Reduktionsmotor zur originären Urteilskraft

Von der Entautomatisierung der Wahrnehmung

Um 08:26 Uhr an einem Donnerstagmorgen ist die Facebook-Seite nicht erreichbar. Eine Fehlermeldung untransparenter Art erscheint, der Zugang ist versperrt. Augenblicklich beginnt der selbstreflexive Prozess: Warum nehmen wir es als störend wahr, der Welt an diesem Tag unsere Präsenz nicht aufzeigen zu können? Oder möchten wir derart dringend wissen, was unsere Freunde denn an diesem Tag so umtreibt? In Wahrheit handelt es sich längst um eine Art Routine – wir vergleichen das gerne da beschwichtigend mit dem Aufklappen der Tageszeitung: Aber ist das tatsächlich vergleichbar? Anstatt das Weltgeschehen zu erfahren, geht es in Sozialen Netzwerken stets auch um die eigene Bezugnahme bzw. um die Möglichkeit Bezug nehmen zu können. Das hat bei der Tageszeitung medienbedingt klassisch zu erfolgen, in Gedanken oder durch Diskussion mit anderen, unterliegt aber mindestens einem natürlichen vorangehenden Reflexionsvorgang. Machen wir uns überhaupt die Mühe die aus unserer Sicht kritischen Inhalte mit anderen auszutauschen – das nämlich ist so viel einfach via Tastatur –, oder aber belassen wir es doch dabei die Antworten in uns zu suchen oder sie erst gar nicht zu formulieren?

Man könnte hier konstatieren, dass wir uns oft darauf einlassen das Weltgeschehen zunächst einmal von anderen Menschen wahrgenommen bzw. schon vorgefertigt dargelegt zu bekommen. Uns bleibt sodann nur noch darauf Bezug zu nehmen durch »liken« (oder eben nicht) oder durch ein kurzknappes Kommentar. Soziale Netzwerke funktionieren wie eine Art Filter, das Internet als visuelle Projektionsfläche von unzähligen Apparaturen, die unsere Wahrnehmung sukzessiv entautomatisiert – wir reagieren auf Reaktionen. Wir nehmen also nicht mehr wahr, wir lassen wahrnehmen und simulieren im Baudrillardschen Verständnis das eigene Realleben vor den Apparaturen. Sie speichern und überliefern, doppeln und verfremden.

cr Nicolas Rossi

Multirealitäten und unmaßgebliche Wahrheitsempfindungen – konstruktivistische Wiederholungsschleifen als Selbstzweck

Wir sollten es eigentlich einfach haben: Nach den vorangegangen beiden Epochen (1. Imitation und 2. Produktion) befinden wir uns, nach Baudrillard, im Zeitalter der Simulation. Man könnte also ganz beruhigt an die Dinge herantreten; in Wirklichkeit sitzen wir ja gar nicht vor dem echten Schauplatz des Geschehens. Wir entwerfen, variieren ein klein wenig, lancieren erneut, verwerfen komplett und entscheiden uns für eine ganz andere Geschichte. Aber bleiben wir mal bei der Geschichte – auch wenn das Wort im vorherigen Satz vielmehr als eine Summe von wenig konkreten Anschauungsmodellen dienen sollte: 1972 – und zwar im Rahmen des eben schon erwähnten Konzepts der Simulation1 – denkt Baudrillard schon weit voraus. Ihm ist die Bedeutung der aufkommenden Massenmedien klar, und dennoch entscheidet er sich für eine radikale Aussage, nämlich dass es unmöglich sei Massenmedien kritisch zu verwenden (was Hans Magnus Enzensberger entschieden anders sieht2). Baudrillard erwähnt hier weiterhin die Gefahr, welche von den Apparaturen der Massenmedien ausgehen und nur dazu dienten, Kommunikationsprozesse hierarchisch zu vereinseitigen, anstatt zu befördern.3 Die Hyperrealität – eine von Zeichen simulierte künstliche Welt – ist referenzlos und dient nur zum Selbstzweck; in seinem Hauptwerk ist dies bezogen auf die Werbung4. Botschaften prasseln auf uns ein, ohne das wir uns dagegen wehren können, und was schlimmer ist, sie beeinflussen unser Handeln. Gut, das ist nun bereits ein paar Jahre her, und inzwischen nehmen wir das als gegeben hin.

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Zeitsprung: An der Stelle möchte ich fragen, ob denn die von uns via Internetplattform gesendeten Inhalte ebenfalls als Simulation betrachtet werden können im Baudrillardschen Verständnis. Die message1 ist klar: Das erleben wir gerade oder haben wir erlebt! Natürlich sind Erlebnisse nie Hauptbestandteil des Lebens. Wir erinnern uns besonders einfach an einprägsame Erlebnisse, sodass der Eindruck entstehen kann, wir durchleben eine Aneinanderreihung von einzelnen Erlebnissen. Wenn ich als Erlebnis jedoch einen markante Tracierung des Daseins bezeichne, und dieses Wort nicht nur als bewusst wahrgenommenen Existenzausschnitt bewerte, dann verstehe ich schnell den damit verbundenen Seltenheitswert. Kommentarkästchen in sämtlichen interaktiven webbasierten Kommunikationsportalen suggerieren eine Anteilnahme, doch was bedeutet das für die Auswahl der hochgeladenen Inhalte? Nicht sehr viel, wenn man davon ausgeht, dass eventuelle Negativkommentare ja schon vor dem Hochladen mit einberechnet wurden. Die Schüsse gehen höchstens rechts und links an der Blechdose vorbei, perforieren allerdings das Leichtmetall nicht. Autoren und Betreiber von Blogs bzw. Social Media-Spiegelbild-Blogs behaupten nicht nur bestimmte Inhalte – das Relevante stellt all das Weggelassen dar. Man müsste eigentlich eine „Negativ“-Ausgabe des Augenscheinlichen ermitteln, um eine der Simulation abgewandte, ja, beinahe schon realitätsnahe Informationsangabe zu bekommen. All das zögerlich verfasste und doch weggelassene, mit der Lösch-Taste entfernte oder erst gar nicht via Tastatur verabschiedete Gedankengut der Verfasser: Wird es irgendwann möglich werden, diese Inhalte zu generieren, werden vermutlich sehr viel weniger der Participatory culture beiwohnen wollen. Solange das nicht der Fall ist, bleibt einem nur das genaue Gegenteil zu vermuten von dem, was jemand gewillt ist von sich selbst als vorzeigbar zu behaupten.

Nicolas Rossi

1 Jean Baudrillard: Requiem für die Medien. In: Jean Baudrillard: Kool Killer oder der Aufstand der Zeichen. Berlin: Merve Verlag, 1978

2 Hans Magnus Enzensberger. Baukasten zu einer Theorie der Medien. In: Kursbuch 20, S. 159-186, 1970

3 „(…) die Medien sind dasjenige, welches die Antwort für immer versagt, das, was jeden Tauschprozess verunmöglicht, es sei denn in Form der Simulation einer Antwort, die selbst in den Sendeprozess integriert ist.“ in Jean Baudrillard: Requiem für die Medien. In: Jean Baudrillard: Kool Killer oder der Aufstand der Zeichen. Berlin, Merve Verlag, 1978, S. 91.

4 Jean Baudrillard: Der symbolische Tausch und der Tod (1976), München: Matthes & Seitz 1982

5 McLuhan muss nun ja auch berücksichtigt werden.

 

 

 

Image source: http://library.creativecow.net/spottedeagle_douglas/POV-Camera-Testing/1

Projektdokumentation vom Filz-Mitglied Nicolas Rossi und Nadine Neuhäuser erreicht Finale bei „Kinder zum Olymp“

Über einen Zeitraum von neun Monaten untersuchten die 28 Schülerinnen und Schüler aus 13 unterschiedlichen Kulturkreisen verschiedene Aspekte des Themas „Heimat“. Dabei setzten sie sich mit ihrem Heimat-Bewusstsein auf kreative Weise unter Einsatz unterschiedlicher Ausdrucksformen und Medien auseinander.

Zur Dokumentation des Langzeitprojektes wurden Video-, Tonsequenzen und Fotos von den Schülern und Schülerinnen erstellt, die ihre Auseinandersetzung mit den verschiedenen Themenbereichen festhalten und ihre Aneignung des Themas in ihre Lebenswelt beinhalten. Mit einer Auswahl aus dem gesamten Material entstand schließlich ein 8-minütiger Kurzfilm, dessen künstlerische Umsetzung Nicolas Rossi und Nadine Neuhäuser übernahm.

 

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http://www.kinderzumolymp.de

 

Harun Farocki: »Ernste Spiele« im Rahmen der Konferenz IMAGE OPERATION am 10.04.2014 in Berlin

Image Operations (Berlin, 10-12.04.2014)

ICI Kulturlabor, Berlin, April 10 – 12, 2014

Manche Bilder greifen direkt in die Welt ein und verändern sie in
weitreichender Weise. Als Teil medialer Praktiken erschaffen sie
Ereignisse, wirken sich unmittelbar und konkret auf Menschen und
Körper aus. Besonders markant sind solche Bildoperationen im Krieg,
bei terroristischen Anschlägen und in politischen Kampagnen von NGOs –
aber auch in der Medizin. International führende Wissenschaftlerinnen
und Wissenschaftler diskutieren die konstitutive Rolle von Bildern und
ihre ethische Problematik auf der Internationalen Tagung Image
Operations, die von der Kunsthistorikerin Charlotte Klonk
(Humboldt-Universität) und dem Medienwissenschaftler Jens Eder
(Universität Mannheim) organisiert und in Kooperation mit dem ICI
Berlin durchgeführt wird.

10.04.2014: 18:30 – 20:15 Harun Farocki: Ernste Spiele  (Filmscreening)

Komplettes Programm unter:

http://www.kunstgeschichte.hu-berlin.de/veranstaltungen/tagung-image-operation/

AWORDWITHHAROLD: Von der Illusion einer Postmoderne

Nach Lyotard entfaltet sich die Moderne im »Zurückweichen des Realen und als das erhabene Verhältnis von Darstellbarem und Denkbarem«.1 Für Peter Krieg hat die Postmoderne gerade für den Dokumentarfilm grundlegende Konsequenzen. Er sieht in der Postmoderne die Entbindung des Dokumentarfilms vom Vor- oder Festschreiben einer verbindlichen Wahrnehmung als Voraussetzung von Wahrheits- und Realitätskonzepten.2 Es scheint wirklich so als sei es inzwischen nur noch schwerlich möglich einen Dokumentarfilm als reinen Dokumentarfilm zu bezeichnen. Filmbearbeitung wird immer einfacher wie auch die Aufnahme professioneller Bilder. Vor allen Dingen ist aber die Beschaffung von Bildern – seien es eigene oder fremde – kinderleicht. Aus dieser Entwicklung heraus entstand ein heutiges völliges Selbstverständnis darüber, Fremdbilder und selbstproduzierte Bilder zu vermischen. Es ist daher darüber nachzudenken, ob denn solche Mischformen heutzutage – ich möchte sie pauschal als »Videoessays« bezeichnen – ein neues Verständnis von Wirklichkeit einfordern. Die Wirklichkeit ist als interpretierbare Variable zur eigenen Wirklichkeit geworden, deren Verteidigung und Untermauerung ein individueller Prozess zu werden scheint. Eine behauptete Wirklichkeit, wie sie zum Beispiel in Facebook-Profilen zu finden ist, befindet sich immer im Bereich des Unsicheren. Sowohl dem Betrachter des Profils ist klar dass nur selektierte Inhalte hochgeladen werden, und auch der Profilbetreiber denkt beim Hochladen an den potentiellen Leser, der das Bild vom Profilbetreiber so klar wie möglich behalten möchte. Digital Storytelling hat als Vorlage das echte Leben. Inzwischen bieten Unternehmen3 an, das Facebook-Profil als Buch zu drucken – nur wenige Klicks initiieren diesen Vorgang. Das Resultat ist eine Art Storyboard einer multimedialen Reproduktion des Realen, welches plötzlich aus der virtuellen Welt heraustritt und zu einem physisch erfahrbaren Erlebnis wird (Buch).

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1Lyortard, Jean-François (): Beantwortung der Frage: Was ist postmodern. S. 45.

2Krieg, Peter (1990): WYSIWYG oder das Ende der Wahrheit. Dokumentarfilm in der Postmodern, in: Heller, Heinz B./Zimmermann, Peter (Hg.): Bilderwelten, Weltenbilder. Dokumentarfilm und Fernsehen. S. 93.

3Die Firma SOCIALBOOK bietet folgende Dienstleistung an: Der Blog, ob Facebook oder ein anderer, kann direkt in ein Buchformat übertragen werden, was einerseits die Leserichtung bricht und anderseits sich der Form eines klassischen Tagebuchs annähert.